Der eine hat die Lizenz zum Töten. Ich für die Rennstrecke. Teil1.

  Der eine hat die Lizenz zum Töten. Ich für die Rennstrecke. Teil 1: Mit Karacho Richtung Posen Eigentlich war die Rennlizenz nicht so eine „Ich hab da mal Bock drauf“-Idee. Ich musste die machen. Weil ich schon im Herbst davor wieder eine dieser vielversprechenden Entscheidungen getroffen habe, die nicht in den Kopf passen, sondern nur in den Bauch. Ich hatte im Netz ein Angebot gesehen: Fiat 126p . Kein hübsches Sonntagsauto, sondern ein richtig kleiner Rennbolide. So einer, der nicht frisch geputzt unter einem hochwertigen Auto-Pyjama in der Garage steht, sondern schon ein paar Saisons auf dem Asphalt gekämpft hat. Ein Krieger im Ritter-Sport-Format – klein, eckig, sportlich, in jede Tasche passend – aber mit der Attitüde von: „Komm, probier’s doch.“ Absolut fertig. Vor allem eins: einsatzerprobt . Ein Fachmann so zu sagen für Maluch Trophy. Eine eigene polnische Rennserie für den Fiat 126p – klein, laut, ehrlich… und exakt mein Niveau von „gute Idee“. Kleine Autos, große ...

Selbstporträt - Malen nach Zahlen oder Warum ich mir lieber ein Ohr abschneide, als etwas zu einfach zu machen.



 

Ich war noch nie gut in einfachen Dingen.
Und ich habe Dingen, die auf Anhieb funktionieren, nie wirklich getraut.

Wenn etwas beim ersten Versuch klappt, bin ich nicht stolz.
Ich werde misstrauisch.
Dann fange ich an zu zweifeln – nicht an mir, sondern am Ziel.
War es zu klein?
Zu bequem?
Zu nah an dem, was jeder hätte machen können?

Ich hatte nie Angst vor dem Scheitern.
Eher im Gegenteil.
Manchmal hatte ich Angst davor, nicht zu scheitern.
Angst davor, dass etwas sofort gelingt –
und ich mich dann frage, ob der Weg überhaupt notwendig war.

Ich arbeite nicht linear.
Ich fange nicht bei null an.
Null ist für mich keine Freiheit, null ist eine Aufgabe.
Freiheit beginnt für mich mit Dingen.
Mit Material.
Mit Gewicht.
Mit Widerstand.

Ich sammle Sachen „für später“.
Dinge, von denen ich nicht weiß, wofür ich sie brauche.
Aber ich weiß: Irgendwann werde ich es wissen.
Das ist keine Unordnung.
Das ist Freiheit auf Vorrat.

Meine Projekte entstehen nicht aus Ideen.
Sie entstehen um Dinge herum, die schon da sind.
Weil man mit etwas Vorhandenem arbeiten kann.
Anfassen. Verschieben. Zweckentfremden.
Erst dann wird Denken frei.

Ich vereinfache nicht.
Ich verkompliziere.
Absichtlich.

Nicht, weil ich schwierig sein will,
sondern weil mich Einfachheit langweilt.
Wenn jeder es kann, interessiert es mich nicht.
Ich brauche Widerstand, sonst schlafe ich innerlich ein.

Der große Knall kam mit einer alten, heruntergekommenen Schreinerei.
Ein Ort, den niemand wollte.
Alle sahen Müll, Dreck, Arbeit, Probleme.
Ich sah – ehrlich gesagt – erstmal gar nichts Besonderes. Außer viel Platz.

Dann kam ein Jahr körperlicher Arbeit.
Aufräumen. Sortieren. Entmüllen.
Tonnen von Material bewegen.
Und jede einzelne Sache in die Hand nehmen.

Behalten oder wegwerfen?
Brauche ich das – oder bilde ich mir das nur ein?

Mit jeder Entscheidung passierte etwas.
Jede Sache, die blieb, löste eine Idee aus.
Ganz langsam verschwanden Grenzen.
Nicht draußen.
Drinnen.

Ich merkte irgendwann:
Diese Grenzen existieren gar nicht.
Das sind Gewohnheiten.
Unsichtbare Regeln.
„Das macht man so.“

Wer sagt eigentlich, dass ein Wohnzimmerfenster nicht so breit sein darf,
dass ein Auto hindurchpasst?
Wer sagt, dass man nicht abwechselnd Autos im Wohnzimmer parken kann?
Wer sagt, dass ein verglaster Flur nicht im Wohnzimmer stehen darf?
Oder dass ein Boden nicht aus lose verlegten 4-cm-Multiplexplatten bestehen kann?
Oder dass ein Rolltor keine Wandverkleidung sein darf?
Oder dass man Fensterrahmen nicht direkt aufs Glas lackieren kann,
damit die Sprossen nur eine Illusion sind?

„Das geht nicht.“
„Das macht man nicht.“
„Wie sieht denn das aus?“

Am Ende sagten die Leute etwas anderes:
„So habe ich noch nie gedacht.“

Das reicht mir.

Ich baue keine Lösungen.
Ich baue Zustände.
Dinge, die man nicht erklären kann – nur erleben.

Ich arbeite ohne festes Ende.
Ich kenne die Richtung, aber nicht das Ziel.
Jeder Schritt provoziert den nächsten.
Manchmal mache ich etwas fertig, schaue es mir an –
und reiße es sofort wieder ab.

99 % reichen mir nicht.
Dieses eine Prozent würde mich jeden Tag nerven.
Neu anfangen ist leichter, als dauerhaft mit innerer Unstimmigkeit zu leben.

„Falsch“ ist für mich kein Fehler.
Falsch kann der Anfang von etwas viel Richtigerem sein.
Für den einen ist es das Ende –
für mich oft der Moment, wo es interessant wird.

Ich delegiere keine Ideen.
Helfer dürfen tragen, schieben, ziehen.
Aber nicht denken.
Es ist ermüdend, jemanden davon zu überzeugen,
etwas komplizierter zu machen,
wenn er es seit 30 Jahren perfekt einfach erledigt.

Ich reise genauso, wie ich arbeite.
Keine Abkürzungen.
Alte Autos.
Lange Strecken.
Winter. Müdigkeit.

Je anstrengender, desto glücklicher.
Je müder, desto stiller wird mein Kopf.

Irgendwann habe ich mich bewusst für eine Partnerschaft entschieden.
Bewusst auch für neue Grenzen –
oder besser: für einen Rahmen.

Denn wenn man einmal an echter Freiheit geleckt hat,
gibt man sie nie wieder ganz auf.
Man verlegt sie nur.

Meine Freiheit lebt heute im Schreiben.
In der Fotografie.
In der Kunst.
In alten Autos.
In langen Reisen.
In Müdigkeit.

Ich lache über mich.
Ich schimpfe über mich.
Ich ärgere mich über mich – gerne.

Ich bin nicht effizient.
Nicht einfach.
Nicht kompatibel.

Und das ist in Ordnung.

Wenn man mich in 150 Zeichen erklären könnte,
würde ich ernsthaft an meinem Leben zweifeln.
Dann hätte ich wahrscheinlich alles falsch gemacht.

Oder schlimmer:
alles zu richtig.

 

Vorsätze für das neue Jahr

(geschrieben von jemandem, der Vorsätze grundsätzlich misstraut)

Für das neue Jahr habe ich mir folgende Vorsätze vorgenommen:

Ich werde weiterhin Dingen misstrauen, die sofort funktionieren.
Wenn etwas beim ersten Versuch gelingt, gehe ich davon aus, dass ich das Ziel zu klein gewählt habe und versuche es noch einmal – vorzugsweise komplizierter.

Ich werde weiterhin Dinge „für später“ sammeln,
trotz anhaltender Vorwürfe von Unordnung, Sammeltrieb oder leichter Unzurechnungsfähigkeit.
Ich weiß, was ich tue.
Auch wenn ich noch nicht weiß, wofür.

Ich werde möglichst selten bei null anfangen.
Null ist verdächtig leer und verlangt nach Planung.
Ich bevorzuge Anfänge mit Gewicht.

Ich werde mir erlauben, falsch zu liegen.
Bewusst.
Und gelegentlich mit Begeisterung.
Falsch hat sich als deutlich produktiver erwiesen als richtig.

Ich werde Abkürzungen meiden, selbst wenn sie gut ausgeschildert, bequem und empfohlen sind.
Wenn es einen längeren, kälteren, unbequemeren Weg gibt, nehme ich diesen.

Ich werde weiterhin mit Maschinen reisen, die Aufmerksamkeit, Geduld und mechanisches Einfühlungsvermögen verlangen.
Wenn sie kaputtgehen, höre ich zu.
Wenn sie sich beschweren, werde ich langsamer.

Ich werde meine innere Freiheit sorgfältig schützen, auch wenn ich mein Leben mit jemandem teile.
Freiheit muss nicht verschwinden – sie braucht nur einen eigenen Ort.

Ich werde weiterarbeiten, ohne genau zu wissen, wie alles enden soll.
Eine Richtung reicht.
Gewissheit ist überbewertet.

Ich werde Dinge, die nur zu 99 % stimmen, ohne Schuldgefühl wieder auseinandernehmen.
Mit diesem einen Prozent zu leben, ist auf Dauer anstrengender als neu anzufangen.

Ich werde weiterhin über mich lachen, mit mir streiten und mich gelegentlich beschimpfen – dieses Jahr liebevoller.
Selbstironie bleibt meine zuverlässigste Form der Selbstfürsorge.

Und zum Schluss:
Ich werde der Versuchung widerstehen, mein Leben einfacher zu machen, nur damit es für andere akzeptabler wird.

Wenn das alles unpraktisch, ineffizient oder unnötig klingt,
dann bin ich vermutlich genau auf dem richtigen Weg.

Frohes neues Jahr.

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