Der eine hat die Lizenz zum Töten. Ich für die Rennstrecke. Teil1.


 



Der eine hat die Lizenz zum Töten. Ich für die Rennstrecke.

Teil 1: Mit Karacho Richtung Posen


Eigentlich war die Rennlizenz nicht so eine „Ich hab da mal Bock drauf“-Idee.
Ich musste die machen. Weil ich schon im Herbst davor wieder eine dieser vielversprechenden Entscheidungen getroffen habe, die nicht in den Kopf passen, sondern nur in den Bauch.

Ich hatte im Netz ein Angebot gesehen: Fiat 126p. Kein hübsches Sonntagsauto, sondern ein richtig kleiner Rennbolide. So einer, der nicht frisch geputzt unter einem hochwertigen Auto-Pyjama in der Garage steht, sondern schon ein paar Saisons auf dem Asphalt gekämpft hat. Ein Krieger im Ritter-Sport-Format – klein, eckig, sportlich, in jede Tasche passend – aber mit der Attitüde von: „Komm, probier’s doch.“

Absolut fertig. Vor allem eins: einsatzerprobt. Ein Fachmann so zu sagen für Maluch Trophy. Eine eigene polnische Rennserie für den Fiat 126p – klein, laut, ehrlich… und exakt mein Niveau von „gute Idee“. Kleine Autos, große Egos, noch größere Geräusche.

Und wie das bei mir so ist: Ich hab nicht lange nachgedacht, überlegt, gerechnet – oder noch schlimmer: diskutiert.Ich hab einfach zugeschlagen.

Erst gekauft, dann alles andere. Um ganz zum Schluss zu merken, dass man für „Rennstrecke fahren“ nicht einfach nur einen Helm braucht, sondern auch diese Kleinigkeit namens Lizenz.


Also stand fest: Kurs in Posen. Lizenz holen. Dann kann der kleine Fiat endlich dahin, wo er hingehört.
Und ich? Ich musste nur noch hinkommen und alles hinbekommen.

Ich hatte Bilder im Kopf: Strecke, Instruktor, Rennboliden. Und mittendrin der 126p – wie ein Terrierrüde auf Koffein: klein, laut, ehrgeizig, völlig schmerzfrei.
Nur ein Detail fehlte in meinem Kopfkino: der Weg dahin.

Und genau da fängt es an.

Die Realität hat den Plan kurz angeschaut, gelacht und beschlossen, mir schon auf der Anreise eine komplette Generalprobe für „Was, wenn alles schiefgeht?“ zu schenken.

Donnerstag Nachmittag, Abfahrt. Ich packe ein paar Klamotten ein, Laptop, Handys, Kamera – alles halbwegs vernünftig. Ganz wichtig: mein nagelneuer Rennhelm. Der lag da im Kofferraum wie so eine stille Versicherung, dass das Ganze schon irgendwie professionell werden würde. Und dann, fast aus Instinkt, noch der Werkzeugkasten. Der war nicht geplant, der war so ein Reflex. Andere gehen nicht ohne Schlüssel raus – ich gehe nicht ohne Werkzeug. Damals wusste ich noch nicht, dass das der einzige wirklich kluge Moment dieser Reise war.

Die ersten 400 Kilometer laufen so gut, dass ich kurz anfange, an mich zu glauben. Ich schwimme mit dem Verkehr Richtung Grenze, fühle mich für ein paar Minuten wie jemand, der seine blöden Ideen tatsächlich im Griff hat. Und ja: Ich lande sogar auf der ganz linken Spur. Polonez links. Auf der deutschen Autobahn. Ohne zu blockieren. Das ist ungefähr so, als würde man mit einem Einkaufswagen einen Slalom bei der Ski-Abfahrt mitmachen – es geht, ist aber mehr als verrückt.

Die Tachonadel zappelt irgendwo nervös jenseits von 180, als würde sie beweisen wollen, dass sie noch lebt. Zwischen Gaspedal und Bodenblech ist noch Luft – psychologisch sehr wichtig, weil man sich damit einreden kann: Da geht noch was. Kurzer Blick aufs Navi: 150 km/h. Ich denke nur: „Mist … ganz schöne Abweichung.“ Aber egal. Für 75 PS, Baujahr ’81, ist das immer noch grandios. Ohne Tacho und Navi würde ich schwören, ich bin schneller als 270 – nicht wegen der Realität, sondern wegen der Vibrationen und Geräuschkulisse. Der Wagen klingt wie ein Jet kurz vorm Abheben.

Der Ölvis der schon damals brav an dar Frontscheibe klebte, sagte keinen Ton. Funkstille in dem ganzen Fahrradau.

Die erste Pause in Polen: Tankstelle. Für mich Hot Dog und Kaffee, weil man ja irgendwo auch Mensch bleibt. Für den Polonez: volltanken und Ölstandkontrolle, weil man sich ja irgendwo auch einredet, man hätte Verantwortung.

Motorhaube auf – und zack, gute Laune weg.

Nicht „ein bisschen Öl“. Nicht „hier und da“. Nein. Der ganze Motorraum ist so eingesaut, als hätte jemand versucht, ein Schwein zu marinieren. Und das lebendig.

Ich starre da rein und denke: Wo kommt diese ganze Soße her? Und sofort wird mir auch klar, warum ich die letzten Kilometer diesen Gestank und Qualm wahrgenommen habe, den man erst wegignoriert und dann plötzlich nicht mehr wegignorieren kann.

Die Ursache ist schnell gefunden: Der Verbindungsschlauch zwischen Ventildeckel und Luftfiltergehäuse – weg. Und weg heißt wirklich weg. Nicht locker. Nicht gerissen. Einfach nicht mehr da. Als hätte ihn jemand nachts im Vorbeifahren eingesammelt. Motorgase und Öl verteilten sich fröhlich unter der Motorhaube, und weil der Polonez ein sehr soziales Auto ist, teilt er das Erlebnis auch sofort mit dem Innenraum. Augen tränen, Lunge beleidigt, Stimmung am Boden.

Ich brauche eine Lösung. Sofort. Ich finde ein Stück Gummischlauch – passt nicht hundertprozentig, aber es ist in diesem Moment das Einzige, was zwischen mir und einem kompletten Öl-Atemzug-Kollaps steht. Es reicht, um wieder halbwegs klar zu sehen und halbwegs zu atmen. Motorhaube zu. Weiter.

Wenn es nach mir gehen würde es so sein.

Der Polonez sieht das aber anders.

Er stellt sich tot. Einfach so. Als hätte er beschlossen, dass der Tagesordnungspunkt „Reise“ heute nicht mehr stattfindet. Ich sitze da, starre aufs Lenkrad, und denke kurz: Wenn ich Hulk wäre, hätte ich die Kiste jetzt an die Wand geklatscht. Aber ich bin nicht Hulk. Ich bin ein Mensch mit Helm im Kofferraum und ohne Zeit.

Der Anlasser – natürlich der Anlasser – spielt Diva. Ein paar Mal Zündung an, aus, wieder an, als würde ich versuchen, ein launisches Tier zu überreden, doch bitte noch ein paar Meter zu laufen. Irgendwann erbarmt er sich, der Motor springt an, und ich denke diesen Satz, den man denkt, bevor man später bereut, dass man ihn gedacht hat: „So eine scheiß Diva. Nächstes Mal schiebe ich dir ein Snickers rein.“

Für alle, die jetzt Fragezeichen vor den Augen haben: Diva, Mars, Snickers – es gab mal diese Werbung, ein Snickers für alle die rumzicken. Im Nachhinein kann ich sagen: Für so viele Snickers, wie ich in den nächsten Tagen gebraucht hätte, hätte mein Monatslohn nicht gereicht. Und schlimmer: Ich bin auch noch selbst schuld an dem Ganzen. Der Anlasser hat mich seit Jahren gewarnt. Italien, Finnland, Norwegen, Ungarn – immer wieder. Und ich? Nichts. Erfolgreich ignoriert. Und dann sagt noch einer, ein Auto sei nicht wie eine Frau – wenn du es nicht pflegst und nicht richtig zuhörst dann...dann irgendwann kommt die Rechnung. Mit Zinsen. Und Mahngebühr.

Schuldfrage geklärt. Vorwürfe mache ich mir selbst. Die Reise geht weiter.

Nicht lange.

Etwa 30 Kilometer später stehen wir wieder. Abend. Dunkelheit. Irgendwo in der polnischen Botanik. Und diesmal fliegt eine Sicherung raus – warum auch immer – und der Motor macht keinen Mucks mehr. Ich bin kurz davor, laut zu lachen, aber das wäre schon wieder dieser Moment, in dem man merkt: Man ist näher am Wahnsinn als am Ziel.

Zum Glück habe ich eine Taschenlampe dabei. Eine echte. Mit Batterien. So eine, die Licht macht, weil Batterien drin sind – was, wie jeder weiß, nicht immer der Fall ist. Heute einmal. Und trotzdem fluche ich leise: Wie blöd muss man sein, ohne Ersatzsicherungen unterwegs zu sein? Ich wühle, finde nichts, erinnere mich dunkel daran, dass ich diese Dinger irgendwann „ordentlich“ weggeräumt habe. Ordnung ist ein Konzept, das in diesem Moment sehr weit weg ist.

Also mache ich das, was man in solchen Momenten macht: improvisieren. Ich ziehe eine Sicherung von den Scheibenwischern. Die brauche ich jetzt wirklich nicht dringend. Hoffentlich bleibt’s trocken. Zehn Minuten Orgeln – und der Motor läuft wieder. Nicht begeistert, aber er läuft.

Posen, ich komme.

Nicht immer aus eigener Kraft – ein paar Mal muss ich anschieben – aber ich komme näher.

Bis 00:30 Uhr.

Da sagt die Lichtmaschine Good Night.

Erst merke ich nur: Es wird dunkler. Dann denke ich: Sind meine Augen übermüdet? Ist das der Ölfilm? Ist das Einbildung? Und dann wird mir klar: Nein. Das ist wieder der Polonez.

Instrumentenbeleuchtung fast weg. Der Motor stottert, hustet, spuckt, als hätte er beschlossen, ab jetzt nur noch mit halber Motivation zu funktionieren. Und die Scheinwerfer? Die verdienen den Namen nicht mehr. Das sind keine Scheinwerfer. Das sind Finsternisschmeißer. Ein Teelicht bringt mehr Licht auf die Straße als diese zwei runden Augen.

Und natürlich passiert sowas nicht irgendwo praktisch vor einer Werkstatt oder Tankstelle. Natürlich passiert sowas mitten im Wald.

Ich rolle da durch, langsam, mehr Geräusch als Bewegung, und ich bin mir sicher: Die Wildschweine, an denen ich vorbeihuste, denken sich nur: „Welche blöde Sau fährt mitten in der Nacht ohne Licht durch den Wald?“ Und ich weiß bis heute nicht, ob der Hase, der neben der Straße lag überfahren wurde oder sich vor Lachen einfach weggeschmissen hat.

Navi sagt irgendwann: „Ziel links.“
Realität sagt: Feld.

Und weil das Leben brutal sein kann, kommt noch eins oben drauf: Mein Navi lotst mich zu einem Ziel, das laut seiner Überzeugung mitten auf einer Lichtung steht. Minutenlang fahre ich auf einem Feldweg ins polnische Nichts. Ich starre auf diese kleine schwarze Schachtel an der Frontscheibe und stelle ernsthaft die Navigationskünste des Geräts infrage, das mich gerade in eine Szene aus einem Horrorfilm schickt.

Ein Scheiß. Da ist nichts.

Ich bekomme endgültig die Schnauze voll, wende so schnell es geht und will nur raus aus diesem Wald. Denn wenn genau hier die Kiste stirbt, finden mich die Bauern erst im Herbst – beim Erntedankfest. Das ist nicht mal ein Witz. Das ist ein realistisches Szenario.

Wie oft habe ich mir geschworen, einen Straßenatlas mitzunehmen. Den hab ich sogar. Im Büro. Da steht er gut. Zum Kotzen.

Müde, dreckig, hungrig – ohne Anlasser und ohne Licht – stehe ich schließlich wieder auf der Straße und lasse mir von einer netten Dame am Telefon erklären, wie ich zum Hotel komme. Und genau in dem Moment, in dem ich denke, dass ich es vielleicht doch noch schaffe, stellt der Motor mangels Zündfunken endgültig seine Funktion ein.

Jetzt ist Schluss.

Ich schmeiße das Handy in den Fußraum, versuche vor Wut das Lenkrad rauszureißen – und dem Polonez geht das alles komplett am A...uspuff vorbei. Er steht da wie ein Denkmal. Nur leider mitten auf der Straße.

Ich springe aus dem Auto und knalle die Tür zu – und natürlich fliegt die Türverkleidung auch noch raus. Was sonst.

Ich atme durch, weil ich muss. Die Wut legt sich langsam. Vielleicht wegen der Kälte. Vielleicht, weil der Körper irgendwann entscheidet: „Mehr Adrenalin ist jetzt auch nicht gesund.“ Und dann kann ich wieder denken. Optionen: Im Auto übernachten? Zum Hotel laufen? Taxi rufen?

Nee.

Ich schiebe lieber.

Ey, Alter… natürlich schiebe ich lieber. Warum einfach, wenn’s auch dumm geht?

Ein paar hundert Meter weiter geht’s bergab. Mein ausgefeilter Hochpräzisions-Plan: Motor warm halten, dann klappt es. Und tatsächlich – einmal in diesen 24 Stunden habe ich Glück. Irgendwann nach zwei Uhr checke ich im Hotel ein.

Normalerweise wäre das der Moment, in dem man ins Bett fällt und drei Tage nicht mehr aufwacht.

Ich nicht.

Ich bin so müde und gleichzeitig so aufgekratzt, dass Einschlafen nicht mal als Konzept auftaucht. Laptop auf. Ersatzteile suchen. Ich bin doch im Polonez-Land, das kann doch kein Problem sein, oder?

Wieder falsch gedacht.

Im Umkreis von 15 Kilometern ist die Auswahl… überschaubar. Immerhin: ein Anlasser und eine Lichtmaschine werden angeboten. Ich aktiviere den Weckdienst für 6:30 Uhr und schlafe irgendwann ein – mit Laptop im Bett und voller Zimmerbeleuchtung, wie ein Teenager, nur ohne Hoffnung und mit Ölgeruch.

Nach gefühlten 15 Minuten klingelt das Telefon.

Es ist 6:30 Uhr.

Freitag – polnische Realität trifft deutsche Gewohnheit.

Ich springe aus dem Bett, dusche, ziehe mich an, frühstücke und gehe dann zum polnischen Patienten, als hätte ich ernsthaft geglaubt, das alles wäre ein Traum gewesen. Spätestens an den Klamotten merke ich: Nein. Das war real. Stundenlang Öldämpfe. Aber gut – so riecht man halt, wenn man Benzin im Blut hat. So riechen echte Rennfahrer.

Meine Frau würde ein anderes Wort benutzen: stinken. Aber sie ist nicht dabei. Und das ist auch gut so.

An der Rennstrecke muss ich erst um neun sein. Also kurzer Check: Anlasser tot. Batterie tot. Und weil das Leben gerne stapelt: Das Türschloss der Fahrertür geht jetzt auch noch kaputt. Jetzt kann man das Auto im Prinzip mit einem Fingernagel öffnen. Der Fingernagel muss nur lang genug sein. In dem Moment ahne ich noch nicht, dass mir genau das später sogar helfen wird.

Auf dem Parkplatz finde ich jemanden mit Überbrückungskabeln. Frischer 12-Volt-Saft. Solange das Auto kalt ist, arbeitet der Anlasser wenigstens so, als würde er sich an sein Berufsbild erinnern. Nach dem dritten Versuch – nennen wir es „läuft“ – läuft der Motor. Mehr schlecht als rund, aber er läuft.

Erster Test: Lichtmaschine.

Plusklemme ab – Motor aus.

Damit ist klar: Lichtmaschine Schrott.

Wenn sie einen Hals hätte, würde ich ihn ihr jetzt umdrehen. Aus einem ganz einfachen Grund: Ich habe die erst vor gar nicht so langer Zeit komplett überholt. Alles neu. Kohlestifte, Regler, Anker, Lager. Was hat dieses verdammte Teil gegen mich? Wir stehen seit Jahren auf Kriegsfuß. Seit Schottland.

Die Uhr zeigt 8:30 Uhr. Ich bestelle ein Taxi zur Rennstrecke Posen.

Und das ist wirklich ein Bild für die Götter: Alle Teilnehmer sind schon da. Rennautos, Sportwagen, geschniegelt, gebügelt, aufpoliert. Und ich? Ich komme im Taxi an.

Fragezeichen überall.

So viele Fragezeichen, dass es kurz wirkt wie eine Sonnenfinsternis. Eine richtige Wolke aus Fragezeichen, die sich über einen Teil der Strecke legt.

Was soll ich sagen? Ich war schon immer anders als die anderen. Und immer für eine Überraschung gut.

Zum Glück ist am ersten Kurstag nur Theorie. Das Auto wird erst morgengebraucht.

Diese Tatsache verschafft mir etwas Luft.

 


 



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