Der eine hat die Lizenz zum Töten. Ich für die Rennstrecke. Teil 2: Taxi, Teilejagd und Strom auf Raten.

 


Ein paar Stunden vorher – Freitagmorgen.

Als ich am Freitagmorgen im Taxi zur Rennstrecke saß, fühlte sich das an wie ein Paralleluniversum: Ich war eigentlich auf dem Weg zur Rennlizenz – also zu etwas, das nach Kontrolle, Präzision und „ich hab mein Leben im Griff“ riecht. Und trotzdem saß ich in einem Taxi, während mein Auto sechs Kilometer entfernt irgendwo stand und sich vermutlich gerade selbst bemitleidete.

Die Straße nach Posen war harmlos. Das Taxi war leise, warm, zuverlässig. Ich merkte, wie mein Körper bei jeder normalen Beschleunigung kurz irritiert war – als würde er fragen: „Moment… das geht auch ohne Drama?“ Ich lehnte den Kopf an die Scheibe und starrte raus, und irgendwo zwischen Müdigkeit und Adrenalin tauchte ein Gedanke auf, der mir unangenehm war: Vielleicht wird das heute sogar… einfach.

Zum Glück ist Tag eins Theorie. Kein Auto nötig. Kein Starten. Kein Strom. Keine 14-Volt-Hoffnung. Nur Unterricht. Regeln. Flaggen. Verhalten. Sicherheit. Dinge, die einem das Gefühl geben, dass Motorsport aus Verantwortung besteht und nicht aus Improvisation. Und ich saugte das auf, weil ich genau das brauchte: etwas, das sich normal anfühlte.

Zwischendurch kam dieser leise Stich: Du bist hier – aber dein Auto ist da draußen irgendwo im Hotelparkplatz-Universum und betreibt gerade aktiv Selbstzerstörung. Ich schob den Gedanken weg, so gut es ging. Erst Theorie, dann Chaos.

Nach dem Kurs war die Realität wieder dran. Ich fuhr zurück zum Hotel – natürlich wieder per Taxi – und startete sofort das, was ich inzwischen als „Teilejagd mit offenem Ende“ bezeichnete. Ich hatte mir in meinem Kopf vorgestellt: Polen, Polonez, Ersatzteile. Das ist wie Brötchen beim Bäcker. Man geht rein, sagt „Guten Tag“, bekommt das Teil und fährt weiter.

Wieder falsch gedacht.

In der Umgebung war die Auswahl überschaubar. Irgendwo gab es einen Anlasser. Irgendwo gab es eine Lichtmaschine. Und „irgendwo“ hieß in meinem Fall: mit Taxi durch Gegenden, die alle gleich aussahen, zu Leuten, die dir Teile zeigen, die entweder nicht passen, nicht funktionieren oder dich einfach nur an deinem eigenen Leben zweifeln lassen.

Als ich die gebrauchte Lichtmaschine schließlich in der Hand hatte, fühlte sie sich schwer an. So eine Art Metall gewordene Hoffnung. Und genau deswegen war es so bitter, als sich am Ende herausstellte: Entweder passt sie nicht – oder sie ist genauso tot wie meine.

Ich stand mit diesem Ding da, schaute es an und war kurz davor, es zu beschimpfen, als hätte es Charakter. Das ist der Moment, wo man merkt, dass man schon ein bisschen über seine Kräfte hinaus lebt. So, als ob Körper, Geist, Gedanken und Nerven nicht mehr eine Einheit bilden, sondern auseinanderdriften. Ein Zerfall in einzelne Elemente des Daseins – auf allen Ebenen. Man ist nah an allen Grenzen. Mal wieder.

Und „mal wieder“ heißt: zusammenreißen. Denn die Zeit rennt davon.

Was bleibt? Zeit kaufen. Zeit bestellen. Und das geht in Polen tatsächlich.

Es wurde immer später, also musste ich handeln. Ohne Batterie komme ich nicht weg. Also organisierte ich alles am Telefon, bevor ich mit dem Taxi wieder die halbe Stadt abklappere. Ich plante das so, dass ich gar nicht erst los musste: Der Taxifahrer holte die Batterie unterwegs ab und lieferte sie mir.

Das ist Polen. Flexibel und pragmatisch – wenn es will. Und dieses Mal wollte es.

Ich sparte mir damit mindestens eine Stunde. Eine Stunde Zeit erkauft. Wenn man so will: eine Stunde Zeit per Taxi liefern lassen.

Als ich dann den neuen Saftgeber im Auto hatte, fing die Rechnerei an. Denn in Polen gilt tagsüber Lichtpflicht. Das heißt: Selbst wenn du dich benimmst und alle Stromfresser aufs Minimum reduzierst, frisst der Wagen immer noch Strom wie ein hungriger Hund, dem du aus Versehen das ganze Futterlager geöffnet hast.

Für die Rennstrecke war das erst einmal nebensächlich. Dort würde ich nur ein paar Runden drehen – und das auch noch ohne Licht. Aber unterm Strich, nach allen Rechnungen: Ich brauchte eine zweite Batterie als Reserve.

Heißt: Ich hatte meine alte (leer), die neue (frisch geliefert) – und zusätzlich musste noch eine dritte her, als absolute Reserve oben drauf.

Als Nächstes kaufte ich an der nächsten Tankstelle ein Ladegerät, um die alte Batterie über Nacht im Hotel zu laden.

Und wieder: ein Bild für die Götter. Die meisten gehen im Hotel mit Koffer rein oder raus. Nur ich bin wieder anders. Ich laufe mit einer Batterie durchs Hotel. Auffallen um jeden Preis. Nennt man das.

Samstagmorgen: Trackday

Und das ist der Moment, wo sich alles kurz rechtfertigt. Das ist schwer zu erklären, wenn man es nicht kennt: Sobald du auf der Strecke bist, wird die Welt stiller – nicht im Geräusch, sondern im Kopf. Da ist nur Linie, Bremspunkt, Einlenken, Blickführung. Kein Feldweg, kein Sicherungskasten, kein ölender Motorraum. Nur du und das, was du tust.

Ich fuhr, lernte, spürte Grenzen, verschob sie. Und ich merkte: Das ist meins. Das ist nicht nur irgendein Kurs. Das ist eine Sache, die sich richtig anfühlt. Theorie und Praxis – bestanden. Ziel erreicht.

Für einen Moment stand ich da mit diesem „Okay, ich hab’s wirklich gemacht“-Gefühl. Und wenn Ölvis da eine Stimme gehabt hätte, hätte er vielleicht ganz kurz anerkennend geschnauft.

Und dann kam wieder die normale Welt. Die mit Entfernungen.

Coburg sind ungefähr 650 Kilometer. Auf der Karte ist das eine Zahl. In meinem Kopf ist das inzwischen eine Einheit: Autobatterien. Wenn du so fährst, wie ich gerade fahren musste – ohne funktionierende Lichtmaschine – sind 650 Kilometer nicht „eine Heimfahrt“. Das ist ein Experiment.

Coburg ist fünf Autobatterien entfernt. Mindestens.

Ich stand da, rechnete, fluchte, rechnete nochmal – und merkte: Das wird nichts. Nicht heute. Nicht so.

Also Plan B: Katowice.

Katowice ist näher. Katowice ist nicht „Zuhause“, aber „Katowice“ ist zumindest „nicht mitten im Wald“. Katowice ist eine Stadt und eine Gegend, in der ich mich bestens auskenne. Und Katowice ist nur zwei – maximal etwas mehr als zwei – Autobatterien entfernt.

Das klang wie ein schlechter Witz. Aber es war ein Plan.

Bevor es losging, machte ich das, was man macht, wenn man Strom nicht mehr als selbstverständlich betrachtet, sondern als Lebensstil: Ich sparte. Glühbirnen raus. Eine vorne rechts, eine hinten rechts. Nicht aus Ästhetik oder um Gewicht zu sparen, sondern weil fünfzig Prozent weniger Verbrauch in meinem Kopf plötzlich wie eine große technische Leistung klangen – wie eine Art Stromsparsamkeit auf Rädern, die Mut macht.

Mut zum Wahnsinn.

Denn Katowice ist, um die Wahrheit zu sagen, Richtung Osten. Nicht auf dem Weg nach Coburg, sondern genau in die entgegengesetzte Richtung.

Als ich losfuhr, kam auf einmal dieses Gefühl. Das Gefühl, dass ich auf dem Weg zur Reparatur bin und gleichzeitig auf dem Weg in ein neues Kapitel der Eskalation. Manchmal spürst du das.

Und manchmal liegst du damit richtig. Goldrichtig.

BP-Tanke, Batterie-OP und ein Pärchen mit Startproblemen

Irgendwo auf halber Strecke nach Katowice, als die Müdigkeit langsam den Kampf mit meiner Konzentration zu gewinnen schien, beschloss ich eine kurze Pause einzulegen: Tank auffüllen, Beine vertreten, Kaffee – und ganz wichtig: ein Blick unter die Motorhaube. Und die Batterie wechseln. Sicher ist sicher. Lieber diese Operation eingeplant an einer Tankstelle durchführen als unerwartet irgendwo im Nirgendwo.

Apropos sicher: Fast sicher war ich mir in diesem Moment auch, dass der Anlasser wieder streiken würde. Er mag es absolut nicht, warm zu sein. Und da ich seit gut zwei Stunden unterwegs war, würde er seine Temperaturgrenze erreicht haben – an der er wieder Hitzefrei nimmt.

Deshalb hielt ich schon vorausschauend nach Tankstellen Ausschau, die einen etwas größeren Bereich umfassen – damit ich mit dem Polonez genug Auslauf zum Anschieben habe und diese Prozedur nicht direkt auf der Straße stattfindet.

Als ich eine große, neue BP-Tanke sah, ging es schnell: einlenken, bremsen, stehen. Motor aus. Pause.

Direkt an der Zapfsäule wechselte ich die Batterie und hielt Ausschau nach geeigneten Helfern. Ich suchte nach kräftigen Schiebern. Aber es war schon Abend – und die Auswahl an potenziellen Helfern war… überschaubar. Genau genommen: null. Niemand da, außer einem Rentner, den ich nicht unbedingt um Hilfe bitten wollte.

Okay. Fünf Minuten hin oder her. Es wird schon noch jemand kommen, dachte ich.

Total entspannt tankte ich voll und lief einmal ums Auto herum, um zu schauen, ob es nicht doch neue Überraschungen parat hielt. Tat es nicht. Alles beim Alten. Alles noch dran, alles dicht. Es tropfte nichts, es lief nichts aus.

Der gute alte Polonez: Er hat seine Krankheiten, aber wenigstens darin ist er stabil. Es ist immer wieder das Gleiche, was Probleme macht – und darauf beschränkt er sich auch noch vehement.

Nachdem ich bezahlt hatte und mit einem XXL-Becher Kaffee Richtung Ausgang unterwegs war, ging die automatische Glastür auf – und direkt vor mir stand ein junges Pärchen. Etwas schüchtern, verloren, ratlos.

„Wären Sie so nett und würden Sie uns helfen?“, hörte ich sofort.

„Unser Auto springt nicht mehr an.“

Tja… was soll ich sagen. Nichts. Diese Ansage zauberte mir einfach ein breites Lächeln ins Gesicht.

„Natürlich. Kein Problem. Aber ihr müsst euch dafür revanchieren“, kam es wie aus der Pistole geschossen aus mir raus.

Im ersten Moment erwischte ich die beiden auf dem falschen Fuß. Sie waren so überrascht, dass sie nicht wussten, was sie antworten sollten. Sie schauten sich gegenseitig an, als würden sie per Gedanken abstimmen.

„Keine Angst. Nichts Schlimmes“, sagte ich. „Ich meine: Ihr müsst mich danach auch anschieben.“

Ab da war die lustige Runde offiziell eröffnet.

Sie mit einem neueren „Reiskocher“ – und ich mit meinem alten Polonez. Beide zum Anschieben verdammt.

Als wir dann langsam unsere Autos in Stellung brachten, kamen ein paar Leute mehr dazu. Unser Treiben wurde von den nachfolgenden Kunden der Tankstelle als äußerst interessant empfunden und nach und nach wurde das Ganze zu einem Kaffeeplausch uminszeniert. Es war plötzlich wie ein kleiner Tankstellen-Treff für Autoenthusiasten. Fast wie geplant und verabredet.

Am Ende hatte die Sache einen klaren Vorteil: Es war genug Kraft da, um beide Autos anschieben zu können.

Es klappte auch sofort. Beide sprangen an.

Und wenn ich ehrlich bin: Bei meinem FSO war ich mir hundertprozentig sicher, dass es so kommen würde. Bei dem kleinen roten Flitzer „Made in Japan“ lag die Chance eher bei fünfzig-fünfzig. Entweder es geht – oder es geht nicht.

Es ging.

Ein kurzes Winken als Dankeschön und auf Wiedersehen – und schon war ich wieder Richtung Katowice unterwegs.

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